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Sodas Rezensionen Folge 4: Habibi

Dienstag, September 20th, 2011

Da ist es also nun – das neue Werk von Craig Thompson, der mit „Blankets“ einen echten Bestseller geschaffen hat. Knapp acht Jahre hat es gedauert, bis wieder so ein Mammut-Werk entstanden ist. Es gibt ja Literatur, die erschlägt einen, sei es wegen ihrer sprachlichen oder – bei Comics – der graphischen Wucht. Aber mit „Habibi“ kann man Leute erschlagen, im wahrsten Sinne des Wortes. Der Brocken umfasst fast 700 Seiten, die zwischen zwei harten Pappdeckeln klemmen. So einen Prestigetitel muss man natürlich in einer würdigen Form daher reichen, wozu auch die Goldprägung gehört.

Auch rührt der deutsche Reprodukt Verlag schon seit geraumer Zeit die Werbetrommel. Zum ersten Mal kam ich mit dem Titel auf dem Händlertreffen in Berlin in Kontakt, auf dem der dort ansässige Verlag sein Programm und das der Schweizer Kollegen der Edition Moderne vorgestellt hat. Dabei war ich noch nicht mal direkt angetan. „Blankets“ habe ich bis heute erfolgreich umschifft und auch die beiden anderen Werke von Thompson hatten mich bisher noch nicht angesprochen. Zudem ließ das Cover eine Geschichte über Religion vermuten und dafür bin ich eigentlich nicht unbedingt zu haben. Andererseits meide ich aber auch Geschichten über das Dritte Reich, weil ich dem Thema mehr als überdrüssig bin, einer Qualität von „Es war einmal in Frankreich“ kann ich mich aber dennoch nicht entziehen. Außerdem kann man über die Jungs (und Mädels) von Reprodukt eines ganz sicher sagen – der Enthusiasmus, mit dem sie hinter ihren Produkten stehen, ist sehr, sehr ansteckend. Ich gebe es auch unumwunden zu: Wäre „Habibi“ nicht bei Reprodukt erschienen, hätte ich es vermutlich nicht gelesen.
Aus Händlersicht ist man dann mitunter auch zwiegespalten: Die Tatsache „Hey, was neues von Craig Thompson – das ist wie Geld drucken!“ steht „Ui, Religion. Schwere Lektüre, könnte sich etwas schwertun.“ gegenüber.

Aber worum geht es eigentlich in diesem Comic (oder neudeutsch: Graphic Novel)? Da ich im Zusammenfassen von Handlungen eher eine Niete bin, bemühe ich mal den offiziellen Text der Verlagshomepage:

Vor einer fantastischen Kulisse aus orientalischen Wüstenlandschaften, märchenhaften Harems und der allgegenwärtigen Kluft zwischen „Erster“ und „Dritter Welt“, erzählt „Habibi“ die bewegende Geschichte von Dodola und Zam, zwei Sklavenkindern, die der Zufall eint, das Schicksal auseinanderreißt, und deren tiefe Liebe zueinander allen Widrigkeiten zum Trotz überdauert.

Vielschichtig, mitreißend und in Bildern von opulenter Pracht ist „Habibi“ eine außergewöhnliche, epische Liebesgeschichte, eine eindringliche Parabel über das gemeinsame Erbe von Islam und Christentum und allem voran eine Ode an die Magie des Geschichtenerzählens.

Soweit, so gut. Religionsmuffeln sei versichert – dieser Aspekt ist mehr ein Aufhänger, der den Hintergrund der Figuren liefert. Natürlich wird sich auch immer wieder darauf gestützt, aber im Fokus steht die Geschichte eben jener Dodola und jenes Zam, die gemeinsam aufwachsen und getrennt werden. Hierbei gelingt es Thompson sehr gut, die Beziehung der Figuren aufzubauen, zu verändern und letztendlich zu zementieren. Sind die beiden Figuren in den ersten Jahren noch wie Geschwister, so tritt mit dem Einsetzen der Pubertät die schleichende Veränderung in das Leben der beiden. Denn natürlich musste gerade Dodola einige Opfer bringen, damit sie sich und den jüngeren Zam über die Runden bringen konnte. Dennoch schafft der Autor es fast durchgängig, Dodola als starke Persönlichkeit darzustellen, selbst wenn sie dem männlichen Geschlecht körperlich unterlegen ist, dies jedoch mit Geschick auszugleichen vermag.

Doch natürlich hat es das Schicksal nicht leicht mit den beiden gemeint und sie werden getrennt, was eine Odyssee zur Folge hat, bis die beiden sich wiedersehen können. In dieser Zeit ist viel passiert, was Thompson ausgiebig zu Papier gebracht hat – erst den Weg von Dodola, dann den von Zam. Dabei streift er zahlreiche Themen wie Prostitution, Gewalt gegenüber Frauen, Armut, sexuelle Neigungen, Sklavenhandel, Habgier, Selbstsucht, aber auch Nächstenliebe und Mitgefühl. Ein schlechter Autor wäre vermutlich an der Vielzahl der Themen gescheitert, aber hier funktioniert dies alles. Natürlich bleibt dabei nicht aus, dass nicht gerade wenige Passagen tragisch sind, aber immer wieder gelingt es Thompson, die Stimmung mit Humor aufzuheitern, der bisweilen auch bizarre Ausmaße annimmt.
Besonders positiv hervorzuheben ist die deutsche Übersetzung. In der Regel bin ich SEHR pingelig mit deutschen Fassungen von Comics, die im Original in englischer Sprache erschienen sind. So pingelig, dass ich von dort übersetzte Comics einfach nicht lesen KANN, egal, wie die Qualität der Übersetzung ausfällt, da ich immer über irgendeine Redewendung oder einen falsch übersetzten Begriff stolpere. Natürlich kann ich die übersetzte Fassung noch nicht dem Original gegenüberstellen, aber der gesamte Band liest sich sehr angenehm und wie aus einem Guss. Das war wirklich sehr, sehr angenehm und somit sei die Reprodukt-Ausgabe auch den „Ich lese Comics nur im Original“-Lesern ans Herz gelegt.
Das Schönste an „Habibi“ ist allerdings, dass man nach Beendigung der Lektüre gleich wieder Seite 1 aufschlagen möchte um sich noch einmal sehr intensiv mit den Zeichnungen zu beschäftigen, die vor Feinheiten und kleinen Spielereien nur so strotzen.
Insgesamt auf jeden Fall ein rundum schönes Produkt, das dem Preis von 39,- € mehr als gerecht wird und sicherlich in keiner Sammlung mit guten Bildergeschichten fehlen sollte.
Der Erfolg sei Verlag und Autor jedenfalls gegönnt.

Björn Steckmeier

Süddeutsche Zeitung Bibliothek: Graphic Novels eingetroffen

Montag, März 14th, 2011

Nachdem die Frankfurter Allgemeine Zeitung und die BILD schon mit gutem Beispiel vorangegangen sind bringt nun auch die Süddeutsche Zeitung eine zehnbändige Reihe mit Perlen der Neunten Kunst auf den Markt. Die Hardcover-Bände im einheitlichen Design sind nun lieferbar und umfassen die folgenden Titel:

Süddeutsche Zeitung Bibliothek Graphic Novels

01 – Ein Vertrag mit Gott von Will Eisner
02 – Persepolis von Marjane Satrapi
03 – Gift von Peer Meter und Barbara Yelin
04 – Shenzhen von Guy Delisle
05 – Palästina von Joe Sacco
06 – Fun Home von Alison Bechdel
07 – Vertraute Fremde von Jiro Taniguchi
08 – Blei in den Knochen von Jacques Tardi
09 – Cash – I see a darkness von Reinhard Kleist
10 – Waltz with Bashir von Ari Folman und David Polonsky

Auf unserer Website sind sie unter diesem Link zu finden.

Sodas Rezensionen – Folge 3: Am falschen Ort

Samstag, November 6th, 2010

soda

Manchmal stößt man ganz von selbst auf die eine oder andere Comicperle und manchmal braucht es einen kleinen Stups in die richtige Richtung.

Wenn man nicht zu den Leuten gehört, die ein Blog aufsetzen, vorgeben, Rezis schreiben zu wollen und dann doch viel lieber einfach nur kräftig Freiexemplare abgreifen, ist es immer noch etwas Besonderes, wenn man ein Leseexemplar falschenangeboten bekommt und dann auch beherzt zugreift. Damit geht man natürlich auch zumindest eine moralische Verpflichtung ein, demjenigen, der einen da so freimütig mit kostenloser Literatur versorgt, auch mitzuteilen, was man von seinem Produkt hält. So also wie in diesem Fall mit „Am falschen Ort“ von Brecht Evens, welches mir von Reprodukt freundlicherweise angeboten wurde.
Ich gebe es unumwunden zu – ich mag den Verlag bereits seit einigen Jahren und er gehört mit avant zu meinen Lieblingsverlegern. Das liegt an der Auswahl der Titel, die oftmals genau meinen Geschmack treffen und natürlich an der vorbildlichen Aufmachung der Comics – oder neudeutsch „Graphic Novels“ – bei denen von der Comicgestaltung über die Papierauswahl bis hin zum Lettering eigentlich immer alles stimmt. Insofern war es mir auch etwas unangenehm, ein Leseexemplar zu akzeptieren, da ich den Verlag doch auch sehr gerne unterstütze. Da der Band, um den es hier geht allerdings überhaupt nicht auf meinem Radar war, konnte ich entsprechende Bedenken gleich Beiseite räumen.

Die Aufmachung des Bandes ist wie gewohnt einfach nur toll. Das Format ist stimmig und die Coververedlung durch den Spotlack weiß auch zu gefallen und ist sogar sehr kreativ eingesetzt, da es sich dabei um Gesprächsfetzen handelt, die man nur sieht, wenn man den Comic gegen das Licht hält.
Inhaltlich bietet der Band drei lose verknüpfte Geschichten auf 176 Seiten. Es beginnt mit einer Party, bei der der eigene Gastgeber Gert wie ein Fremdkörper wirkt. So richtig will niemand mit ihm zu tun haben, alle warten nur auf den ominösen Robbie, der sich doch auch angesagt hat. Die Feier kommt überhaupt nicht in Schwung, trotz der eher tapsigen Versuche von Gert, die Stimmung aufzuheizen. Sind die Menschen hier am falschen Ort oder er, obwohl es doch eben seine Wohnung ist?
Die zweite Geschichte handelt von Noemi, die sich mit ihrer Freundin auf eine Party begibt und dort eben jenem Robbie über den Weg läuft und nach einem turbulenten Abend folgt eine ebenso leidenschaftliche Nacht. Was Noemi aber scheinbar nicht wahrhaben will ist die Tatsache, dass ein „falscher Ort“ nicht unbedingt eine Lokalität sein muss, sondern durchaus auch eine Person sein kann.
In der dritten Geschichte geht es dann um Gert und Robbie und ersteres klagt sein Leid bezüglich seiner neuen Arbeitsstelle an einer Schule. Gert ist voller Zweifel, ob dies wirklich das Richtige für ihn ist. Nach mehreren Versuchen, seine Bedenken zu zerstreuen kann Robbie ihm Schlussendlich nur eines raten – „Mach dein Ding, Gert!“.
Zum Schluss bleibt noch der kleine Epilog in dem Noemi am Telefon von ihrer Nacht mit Robbie erzählt. Doch nicht alle Gespräche kann man überall führen, manchmal ist man einfach „Am falschen Ort“.

Dem Flamen Brecht Evens gelang mit diesem Band der internationale Durchbruch. Sein Stil ist sehr ungewöhnlich und unkonventionell. Eine strickte Panelaufteilung wird oftmals durchbrochen, sofern sie denn überhaupt vorhanden ist. Auch benutzt er die Aquarellfarben mitunter zum Abgrenzen der Figuren. Während alle Figuren sehr bunt gemalt sind, ist der etwas spießerisch wirkende Gert durchweg in grau gezeichnet und hebt sich dadurch natürlich sofort ab. Auch ansonsten verfügt Evens über die ein oder andere optische Spielerei. Wenn z.B. die Musik in der Disko so laut ist, dass anständige Gespräche nicht möglich sind, so wird das mit nur schwer lesbaren Dialogen optisch dargestellt. wrongDie Zeichnungen sind sehr lebhaft, die Lesereihenfolge ist manchmal wild, aber an keiner Stelle wirr oder der Handlung nur schwer zu folgen. Insofern kann man nur hoffen, dass der Band ein Erfolg wird, damit schnellstmöglich auch die restlichen Geschichten von Evens dem deutschen Publikum präsentiert werden können.

Mittlerweile ist beim kanadischen Verlag Drawn & Quarterly auch die englische Ausgabe unter dem Titel „The wrong Place“ erschienen, was ich sehr amüsant finde, da für mich Reprodukt und avant doch ein bisschen wie die deutschen Gegenstücke zu D&Q und Fantagraphics Books wirken. Allerdings ist „The wrong Place“ ein bisschen enttäuschend – das Format ist viel kleiner und auf die optische Spielerei mit dem Cover wurde auch verzichtet. Dafür ist der Preis fast der Gleiche. Ein bisschen schade.

Björn Steckmeier

Links zum Bestellen
Am falschen Ort
The wrong Place

wrong

Heute neu – und das reichlich …

Dienstag, September 7th, 2010

Also, heute ist ein Tag, der üppig mit Comic- und Manga-Neuerscheinungen gesegnet ist, so üppig, das wir das gleich mal kommentieren wollen 🙂

Unter den Neuheiten befinden sich nämlich nicht nur Dauerbrenner, deren Qualität man ohnehin schon kennt und kaum noch erwähnen muß (BUAP, Asterix, Blueberry …), sondern auch einige neue & recht ungewöhnliche Sachen …

Da dachte sich z.B. in Logicomix jemand, daß nicht nur Superhelden wie Spider-Man, sondern auch die Helden der Mathematik wie Bertrand Russell, Kurt Gödel oder der Philosoph Ludwig Wittgenstein einen Comic verdient haben (eine Leseprobe hat der Verlag auf dieser Seite).

Oder wer Wilhelm Busch mag darf sich über einen großartig illustrierten Raben Huckebein freuen … muß ja nicht immer Kafka sein 😉

Wer dagegen Steampunk-angehauchte Welten à la Jules Verne mag, mit einem guten Schuss Action, Mystery und Geheimbünden versehen, dem können wir die Reihe „Die Korsaren der Alkibiades“ ans Herz legen. Bisher sind vier Bände angekündigt, der erste erschien heute … und einen (französischen) Trailer zum dritten Band gibt es auch, so hat man schon mal einen Eindruck vom Stil der Zeichnungen.

Und literarisch geht’s auch weiter mit einer Graphic Novel, die von Harvey Pekar herausgegeben wurde: The Beats – Eine Geschichte der Beat-Literatur. Der Band wurde in den USA von der Presse hoch gelobt und bietet in Comic-Form einen Überblick über die Welt der Beatniks … Literaturgeschichte ist halt manchmal alles andere als öde. Eine ausführliche Leseprobe hat der Verlag unter diesem Link (Achtung, dauert ein bisschen, bis die Datei geladen ist).

Einen Überblick über alle Neuerscheinungen des heutigen Tages gibt es natürlich wie immer auf www.comicshop.de – wir wünschen beim Stöbern, Shoppen und Lesen viel Vergnügen 😀